Savannah - Liebe gegen jede Regel

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"Wandel der Zeit" als E-Book

 

 

 

Wandel der Zeit

 

16

Ich erwachte, irgendwann mitten in der Nacht.

Draußen war es immer noch stockdunkel, nur die Straßenlaterne vor Sav’s Fenster ließ ein wenig Licht ins Zimmer eintauchen. Ich bewegte mich nicht, aus Angst sie zu wecken und ließ daher erst einmal nur meine Augen zu ihr hinübergleiten. Aber sie lag nicht an meiner Seite, sondern saß am Fußende des Bettes, wo das einfallende Licht der Laterne am stärksten war und spielte anscheinend gedankenverloren mit ihrem neuen Armband.

Süß… war mein erster Gedanke. Ich hatte es wirklich geschafft, ihr etwas zu schenken, das sie zu lieben schien. Sie bemerkte erst, dass ich wach war, als ich sie schon eine Weile beobachtet hatte. Ich lächelte sie an und setzte mich auf.

››Hi‹‹, hauchte sie mir zu, krabbelte auf meinen Schoß und barg ihr Gesicht an meiner Brust. Ich schlang beide Arme um sie und wusste nun auch, warum ich mitten in der Nacht erwacht war. Ihr Körper, ihre Wärme hatten mir gefehlt, und so drückte ich sie noch fester an mich und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. ››Was bereitet dir Kopfzerbrechen meine Süße?‹‹, fragte ich sie und streichelte dabei ihr wundervolles, schwarz gelocktes Haar.

Schweigen.

››Och komm schon – ich beiße nicht.‹‹

Sie musste lachen.

››Na bitte… geht doch und nun sag mir, was dich grübeln lässt.‹‹ Sie schluckte… mehrmals… wieder und wieder… und dann wurde es nass an meiner, immer noch nackten, Brust.

Sie weinte.

››Du weinst? Sav, was ist… tut dir etwas weh… hab ich dir… bitte sag doch was.‹‹

Aber sie schluchzte nur immer lauter… und meine Brust wurde nass und nasser. Kurz darauf zitterte sie unkontrolliert und weinte hemmungslos an mich gepresst. Ich hielt sie einfach nur fest und sprach beruhigend auf sie ein. Dass ich sie lieben würde… es mir leidtäte sie dazu genötigt zu haben… sie sich beruhigen solle… mir alles sagen könne… es mir das Herz bricht sie so zu sehen… alles. Ich wollte doch nur, dass sie aufhörte zu weinen. Aber sie reagierte gar nicht auf mich.

So verstummte ich und wiegte sie nur still auf meinem Schoß vorsichtig hin und her. Endlich… wenigstens dies schien zu wirken. Das Zittern ließ nach, die Tränen versiegten. Dennoch sprach sie nicht, aber ich löcherte sie auch nicht mehr. Ich wartete einfach ab, bis sie sich soweit gefangen hatte, um mir meine Fragen von vorhin alleine zu beantworten.

Irgendwann, nach endlos langen Minuten räusperte sie sich und rutschte von mir herunter – zurück in den Lichtschein, in dem sie zuvor gesessen hatte.

Ihre Stimme war nur ein Krächzen.

››Wieso ich?‹‹

››Bitte was?‹‹ Ich verstand nicht, was sie meinte.

››Wieso ich? Wieso kann ich nicht so normal sein wie du? Wieso muss ich einen Verlobten haben, den ich dazu noch nicht einmal liebe? Kannst du mich wirklich lieben, und wenn ja, wie lange hältst du das aus?‹‹ Wieder ein Schluchzen. ››Ich hasse mich, mich und mein verdammtes Leben, ich schäme mich, dass ich dich da hineingezogen habe, dass ich dich sexuell überfallen habe, so gierig bin… ich hasse meine Eifersucht oder das ich dich obendrein einer Gefahr aussetze, der du nicht gewachsen bist. Ich bin schlecht und verdiene dich nicht. Und ich möchte, dass sich unsere Wege trennen, am besten… sofort!‹‹

Sie schlang eine Decke um sich, entfernte sich nun gänzlich aus dem Bett und gebot mir zu gehen. In meinem Hirn ratterte es… was hatte sie gesagt… trennen… jetzt sofort… sofort.

Erst da registrierte ich, dass das Armband, welches ich ihr heute Mittag schenkte, auf der Decke zu meinen Füßen lag. Ich war fassungslos… Ich meine, was war passiert, als ich schlief? Hatte uns ihre Mutter entdeckt, oder… noch schlimmer, ihr Vater?

Ich zuckte bei dem Gedanken zusammen.

››Nein… nein… nein. Was sprichst du da? Was ist los? Sieh mich doch an, bitte!‹‹                                                          

Mittlerweile stand ich hinter ihr, doch sie drehte sich nicht zu mir um. Ich versuchte sie zu mir zu drehen – riss an ihr, doch ich schaffte es nicht, sie war zu stark.

››Bitte… tu das nicht… ich liebe dich… und ich weiß, dass du mich auch liebst.‹‹

Doch alles Flehen half nichts. Kein Wort kam aus ihrem Mund, kein Zucken aus ihren Gliedern, kein Lächeln für mich… nichts. Wieder versuchte ich, sie zu mir zu drehen, da wirbelte sie herum, packte mich am Hals und rammte mich über das Bett hinweg an die gegenüberliegende Wand. Ich keuchte und versuchte irgendwie unter mir Halt zu finden, aber sie ließ mich gerade mal so mit den Zehen den Boden berühren. Meine Augen waren unnatürlich weit aufgerissen… doch sie schien es zu missdeuten. Es war keine Angst, nein… Es war Unverständnis und Verzweiflung.

››Savannah‹‹, stöhnte ich, soweit mir die Luft dazu ausreichte.

››ICH. BIN. NICHT. GUT. FÜR. DICH!‹‹, spuckte sie mir entgegen.

››Egal‹‹, keuchte ich wieder. Meine Lungen waren mittlerweile fast luftleer.

››Mir aber nicht und solltest du mich ab sofort nicht in Ruhe lassen, dann schwöre ich dir, werde ich meinem Vater berichten, dass du dich etwas zu sehr für mich interessierst.‹‹

››Nein, das kannst du n…‹‹ Und schon verfestigte sich ihr Griff an meiner Kehle, sodass ich den Satz nicht beenden konnte.

Ein markerschütterndes Knurren grollte durch ihr Zimmer. Danach ließ sie mich achtlos zu Boden fallen, warf mir meine Klamotten zu und ein knappes – ››Geh jetzt!‹‹

Nachdem ich bestimmt weitere fünf Minuten nur regungslos da saß und sie angestarrt hatte, nahm sie ihr Handy zur Hand und sah mich eiskalt an.

››Die Handynummer meines Daddys besteht aus insgesamt zwölf Ziffern. Sollte ich bei der letzten Zahl angekommen sein und du bist noch hier, wird es morgen sehr ungemütlich für dich werden – glaub mir.‹‹

Weiterhin ungerührt sah sie mir in die Augen und tippte blind die erste Ziffer ein – Klick. Ich konnte es nicht glauben… Was tat sie… sie warf alles weg – alles.

››Bitte Liebes, lass uns…‹‹

Klick, die zweite Ziffer. Sie blinzelte noch nicht einmal und sah mich einfach nur, aus ihren zu dünnen Schlitzen verengten Augen, an.

Klick, die dritte Ziffer.

››Ichhhhh liebeeeeeee Dichhhhh‹‹, brüllte ich nun ergeben, sprang über das Bett hinweg wieder zu ihr und kauerte am Boden zu ihren Füßen. Mir war egal, was ich tun musste, um sie zur Vernunft zu bringen, ich hätte alles getan – alles. Ich spürte, wie sie den Kopf senkte und zur mir herab sah. Hoffnung keimte in mir auf…

Klick – die vierte Ziffer. Ich sprang vor ihr in die Höhe, packte sie bei ihren Schultern und schüttelte sie wie im Rausch.

››Das kannst du nicht tun… das kannst du nicht.‹‹

Klick – die fünfte Ziffer.

Nun war ich es, der Tränen in den Augen hatte, und sah ihr dabei in ihre… ihre wundervollen, eiskalten, stahlblauen Augen.

››Wieso?‹‹

Klick – die sechste Ziffer. Wut stieg in mir auf – meine Hände ballten sich zu Fäusten.

››Ich habe ein Recht zu wissen wieso. Ich habe ein Recht darauf, ob es dir nun passt oder nicht!‹‹ Dann schlug ich zu.

Klick – die siebte Ziffer wurde eingetippt.

Bevor ich recht wusste, was geschehen war, blickte ich auf meine blutverschmierte, vor Schmerzen pochende Hand. Von dieser aus, wanderte mein Blick weiter zu Savannahs Spiegel, der nun leider über kein Spiegelglas mehr verfügte. Ich hatte ihn demoliert. Kurz, nur kurz flackerte in Savannahs Augen so etwas wie Hilflosigkeit, Bedauern, Trauer und Reue auf, trotzdem machte es kurz darauf zum achten Mal – Klick.

So gab ich auf, gab mich geschlagen. Ich hatte sie verloren.

Ich zog mir Hose und mein zerfetztes Shirt über, schnappte meine Schuhe und schlich total entkräftet und verzweifelt Richtung Tür. Bevor ich hinausging, legte ich ihr Armband in das Regal mit ihren anderen Schätzen. Ohne mich umzusehen, murmelte ich: ››Geschenkt ist geschenkt‹‹ und konnte mir ein – ››Mach damit, was du willst‹‹, nicht verkneifen. Das es viel härter klang als es sollte, tat mir sofort leid. Ein letzter Atemzug, ihres vanilligen Duftes, dann verließ ich ihr Zimmer.

Wie lange ich vor ihrem Haus in den Nachthimmel starrte, wusste ich nicht, aber irgendwann hörte ich einen überaus wütenden und markerschütternden Schrei.

Während er endete, wurde mir bewusst, dass ich selbst ihn ausgestoßen hatte. Wie ich danach nach Hause, geschweige denn in mein Zimmer oder ins Bett kam, wusste ich nicht mehr.

Als mein Wecker unerbittlich seine morgendliche Arbeit aufnahm, lag ich zusammengekauert auf meinem Bett. Weder umgezogen noch zugedeckt lag ich da und starrte vor mich hin. Ich wusste ich fror, dennoch spürte ich die Kälte der vergangenen Nacht nicht. Mein Hirn wusste es, aber mein Körper spürte nichts. Nichts, außer eines großen, alles verzehrenden, schwarzen Loches. In meinen Eingeweiden schien der größte Tornado der USA zu toben.

Lag ich die ganze Zeit wach? Hatte ich überhaupt geschlafen? Ich hatte keine Ahnung und es war auch nicht wichtig.

Alles wird gut, alles wird gut… sie hat sich beruhigt, du wirst sehen… alles wird gut. Dies betete ich mir schon den ganzen Morgen immer und immer wieder vor, auch als ich hinüber zu ihrem Haus lief. Meine Blade stand noch davor und ich musste mich beeilen, bevor ihr Vater nach Hause kam. Aber Sav stand nicht wie gewohnt draußen um auf mich zu warten. Komisch, sie war sonst immer die Erste.

Na ja, diese Nacht war sicher auch für sie nicht einfach gewesen.

Du wirst sehen, es ist alles ok – sie liebt dich… ratterte es durch mein Hirn, während ich läutete. Brandy, ihre Mutter, öffnete mir.

››Hallo Nic‹‹, sagte sie so sanft wie möglich, ››es tut mir ja so leid.‹‹

Sie wusste es also schon… na toll, Sav hatte ihr also schon erzählt, dass sie mich abserviert hatte.

››Guten Morgen, Brandy‹‹, fuhr ich nach außen hin ungerührt fort. ››Ich wollte Savannah für die Schule abholen, ist Sie startklar?‹‹

››Sie ist nicht mehr hier Nic, ab heute fährt Sie mit dem Schulbus. Es tut mir leid, ich konnte Sie nicht umstimmen… Sie ist… nun Sie war… schon immer sehr eigenwillig.‹‹

Ich stand da, wie ein begossener Pudel und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Schulbus… sie fuhr mit dem Schulbus? ››Du musst nun gehen… mein Mann wird gleich eintreffen. Nic…? Hast du mich verstanden?‹‹

Ich nickte stumm, machte ohne ein weiteres Wort kehrt, schob meine Blade auf unser Grundstück und ließ sie dort angekommen einfach fallen. Scheppernd ging sie zu Boden und ich wieder ins Haus.

Wie mechanisch tappte ich nach oben, legte mich ins Bett und krümmte mich dem wiedergekehrten Tornado in meinem Magen erneut entgegen.

Wieso…? Wieso…? WIESO???          

Fühlte ich mich, seit Sav mich liebte, geheilt, gut und komplett, so ging es mir nun schlechter als jemals zuvor.

Es war 11.00 Uhr, als mein Handy klingelte – große Pause. Mein Herz pochte vor Hoffnung wie wild, aber ich wurde enttäuscht, es war… nur Dave.

Erst wollte ich es einfach weiter klingeln lassen, aber er könnte ja auch eine Nachricht von Sav für mich haben, also ging ich ran. ››Ja.‹‹

››Mensch Alter… was macht ihr denn für Sachen?‹‹

››Wir?‹‹, entgegnete ich…, ››sag nicht wir, ich hab damit nichts zu tun!‹‹


Tagebuchaufzeichnungen von Savannah Miller

 

 

Mein über alles geliebtes Tagebuch,

 

es ist soweit, ich bin allein… Es ist mitten in der Nacht und ich bin Mutterseelenallein. Abgeschnitten von allem, was mich am Leben hält…

Und ich lag falsch – in allem so falsch.

Wieso hast du mich nicht aufgehalten…

Ich spüre er kommt… er wird mich holen – mein Leben ist vorbei.

 

Was passiert ist?

 

Ich hatte die schönste Nacht meines Lebens…

Und ja, ich danke Gott dafür, dass ich sie noch erleben durfte, bevor es vorbei war.

Ich hatte dir doch heute Mittag anvertraut, dass Nic noch einmal verschwunden sei. Er kam mit einem wunderschönen Geschenk für mich zurück. Es war das allerschönste Armkettchen, das ich jemals gesehen hatte. *schnief*

Sorry wegen der vielen Flecken… ich kann meine Tränen einfach nicht zurückhalten.

Wir küssten uns, wir hatten Sex, dass Schönste, was ich jemals getan hatte… und ich tat es mit Nic. Es war so zauberhaft, dass ich alles andere vergaß… ich vergaß meine Gedanken... und ich habe von ihm getrunken – ein letztes Mal. Und wieder vergaß ich meine Gedanken. Danach schliefen wir zusammen ein und meine Gedanken an all das Schöne, das zuvor zwischen uns beiden passiert war, wurden zu einem offenen Buch für meinen größten Feind.

Es waren meine letzten glücklichen Minuten.

Eben erwachte ich mit einem Ruck und der Erkenntnis, dass nun alles vorbei ist und ich schnell handeln muss. Ohne Ausweg tat ich das Schwerste, das ich je getan habe, aber es was das einzig Richtige…

 

Ich beendete die Beziehung zu Nic und verwies ihn mitten in der Nacht des Hauses.

Natürlich war es nicht einfach – wo denkst du hin.

Er liebt mich wirklich und er verstand mich nicht – wie auch.

Er war geschockt und verzweifelt, er bettelte, schrie, weinte und flehte mich an. Es zeriss mir das Herz ihn so zu sehen und dennoch so sehr gegen unser beider Gefühle handeln zu müssen. Aber er… er wollte einfach nicht gehen.

Ich versuchte es mit Gewalt, aber auch, als ich ihn über mein Bett hinweg in die Wand rammte, ihm nur Millimeter ließ, um den sicheren Boden unter sich zu spüren, ihm die Luft abriegelte, sodass er gerade so am Leben blieb… er wollte nicht gehen – mich nicht verlassen. Er hatte einfach keine Angst vor mir.

Bevor ich einen Rückzieher machen konnte, drohte ich ihm mit meinem Dad.

Wieder flehte er mich an, mich zu beruhigen, alles würde gut werden…

Wie gern hätte ich ihm geglaubt; geglaubt, dass meine Vermutung sich als Witz erweisen würde.

 

Sowie ich diese Zeile hier schreibe, hoffe ich es immer noch…

Irgendwann, nach unzählig langen Minuten, packte er widerstrebend seine Klamotten zusammen und ging.

Niemals werde ich seine traurigen Augen und den flehenden Blick darin vergessen können.

Ich tat ihm so weh und konnte ihm noch nicht einmal sagen warum.

Aber ich muss ihn doch schützen… Er ist ein Mensch, was hätte er für eine Chance?

Er stand noch eine Weile vor unserem Haus, bevor er mit einem markerschütternden Schrei zusammenbrach.

Glaub mir, jede Faser meines Körpers wollte nach unten stürzen, ihn einfach wieder in meine Arme schließen und ohne Umschweife dort weitermachen, wo wir vor einigen Stunden geendet hatten…

Aber es ist zu spät.

 

 

Er ist da!

 



 





 

 

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© 2011/12 Tine Armbruster