Zusatz Weihnachtsstory 2013

Weihnachts-Kurzgeschichte


Endlich, der Umzug und auch die erste Nacht in der neuen gemeinsamen Wohnung war geschafft. Bisher hatten sie in der kleinen Einliegerwohnung bei Lucs Eltern gewohnt und Lilith freute sich über die neugewonnene Freiheit. Gerade hatte sie die letzten Kartons ausgeräumt und war mit ihrer Arbeit mehr als zufrieden, als ihr Blick prüfend durchs Wohnzimmer streifte. Ihre Dekorationskünste wirkten nicht kitschig, eher gemütlich und einladend. Luc würde sein neues Zuhause sicherlich gefallen, wenn er von der Arbeit kam. Leider hatte er im Gegensatz zu ihr keinen zusätzlichen Urlaub bekommen und musste heute schon wieder arbeiten. Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken.

»Hi Süße, wie war die erste Nacht in den eigenen vier Wänden? Nicht zu turbulent schätze ich mal …« Camille lachte in den Hörer.

»Haha. Das geht dich gar nichts an­.«

Lilith wusste genau, was Camille hören wollte, aber das konnte sie ihr nicht sagen, weil es nicht der Wahrheit entsprochen hätte. Camilles Einwände in allen Ehren, aber die erste Nacht sollte doch gebührend gefeiert werden und so hatte sie Luc nichts von ihrem kleinen Problem verraten, denn er hätte Camille – wie schon so oft, wenn es um ihr Wohlempfinden ging - beigepflichtet. Stattdessen hatten sie mit Luc die schönste Nacht ihres Lebens verbracht.

Nach getaner Arbeit war er am Abend zuvor wortlos zu ihr in die Dusche gestiegen, hatte ihr unter dem warmen Wasserstahl ihre verspannten Schulterblätter massiert und ihren Nacken dabei mit prickelnden Küssen übersät. Seine Finger strichen federleicht über ihre schaumbedeckte Haut und bescherten ihr trotz der behaglichen Dampfschwaden die sie umhüllten eine eisige Gänsehaut. Liliths Körper erbebte erneut, als sie daran zurückdachte. Daran dachte, wie sie sich erschöpft gegen seine muskulöse Brust gelehnt hatte, während er mit seinen Händen zärtlich über ihren Bauch glitt und sich von dort langsam immer tiefer vorantastete. Erst als ihre vor Lust erzitternden Beine sie nicht mehr trugen und sie mit einem lustvollen Seufzer in seine Arme sank, lies er von ihr ab. Er stellte das Wasser ab und wickelte ihren schlaffen Körper in ein riesiges Handtuch, bevor er sie ins Schlafzimmer trug …

»Lilith … Lil, bist du noch dran?«

Camilles Stimme drang flehend an ihr Ohr. »Du musst zum Arzt gehen, Süße. Bitte lass das abklären, jetzt kommen die Feiertage und du willst doch nicht bis ins neue Jahr damit warten. Oder doch? Das kann nur etwas … na ja. Du hast immer noch deine Tage, der Test war negativ – du kannst nicht schwanger sein. Bitte, nicht das es etwas Ernstes ist …«

Natürlich wollte Lilith Gewissheit haben, genau darum hatte sie schon einen Termin bei ihrem Arzt wahrgenommen. Das Ergebnis war ein Schock gewesen und viel zu intim, um damit mit Cam am Telefon zu diskutieren.

Ein sich im Schloss drehender Schlüssel kam Liliths Antwort zuvor. »Ich muss Schluss machen, Luc ist da.« Ohne Camilles Antwort abzuwarten, legte sie auf und stürmte zu Tür. Doch das Erste, was sie sah, war nicht Luc, sondern eine riesige, dunkelgrüne Tanne.

»Hilf mir mal«, bat Luc und versuchte das Monstrum mit dem Stamm voraus durch die Tür zu schieben. Lilith umklammerte den Stumpf und zog. Nachdem Luc die Tanne im Wohnzimmer aufgestellt und Lilith ihn mit eisblauen Kugeln, Sternen und Kerzen geschmückt hatte, schmiegte sie sich in Lucs Arme und betrachtete zufrieden das Gesamtkunstwerk.

»Er ist wunderschön«, flüsterte sie ergriffen. Luc strich ihr sanft übers Haar. »Der schönste Baum, für die schönste Frau – das ist nur gerecht. Lilith schmunzelte, gab Luc einen Schubs und beförderte ihn damit auf die Couch.

»Entspann dich. Essen ist gleich fertig. Dann rauschte sie in die Küche aus der ihr schon ein betörender Duft entgegen kam. Sie hatte sich heute besondere Mühe gegeben und auch den Tisch liebevoll eingedeckt. Sie garnierte die Teller und bestückte sie mit Roastbeef, Knödel und Soße und schob sie danach zum Warmhalten in den Ofen. Dann trug sie die Grießklösschensuppe im Esszimmer auf, ging durch die Verbindungstür ins Wohnzimmer und zog Luc von der Couch.

»Wow.« Luc nahm ein paar Glittersternchen von der Tischdecke und sie sie wieder darauf zurücksegeln. »Da hat sich aber jemand Mühe gegeben«, lächelte er ihr entgegen.

Während des ganzen Essens kam es Lilith so vor, als stände sie unter Strom. Sie bekam fast keinen Bissen hinunter und musste sich regelrecht zwingen, wenigstens die Hälfte zu essen. Seit sie am späten Morgen die Arztpraxis verlassen hatte, stand sie irgendwie neben sich. Sie war eine Ewigkeit ziellos durch die Stadt gestreift, bis sie ihre düsteren Gedanken abschüttelte und beschloss, dass shoppen immer noch die beste Medizin war. Dabei hatte sie mehr ausgegeben, als sie beabsichtigt hatte. Auch für Luc war ein kleines Präsent in einer ihrer Einkaufstaschen gelandet, nur leider war sie gar nicht mehr so sicher, ob sie es ihm überhaupt noch übergeben sollte. Gerade waren sie in ihre eigene Wohnung gezogen und nun …

»Wieso isst du denn nicht, geht es dir nicht gut? Du bist so blass heute.« Lilith wand sich innerlich vor Lucs prüfendem Blick. Er kannte sie einfach zu gut und spürte wie immer wenn es ihr nicht gut ging. Leugnen zwecklos, also atmete sie tief durch, legte die Servierte beiseite und nahm ein kleines, kunstvoll verpacktes Päckchen aus der Kommode. Auf Lucs Stirn bildeten sich seine überaus süßen Grübelfältchen und sein Blick wurde fragend.

»Für mich?«

Lilith nickte und kämpfte gegen den beißenden Druck in ihren Augen an. Fang jetzt ja nicht an zu heulen, dachte sie und sank zitternd vor Luc auf die Knie. »Du weist, ich liebe dich und ich könnte echt verstehen, wenn du … ich meine, ich bin ja selbst … irgendwie …«

Luc legte ihr einen Finger auf den Mund um sie zu stoppen. »Du sprichst heute echt in Rätseln, Lil.« Sie seufzte und deutet auf das Päckchen. »Erklärt das dein heutiges Verhalten?«, hakte er nach und sie nickte. »Na dann …« Luc entfernte die rote Schleife, an der ebenfalls rote Kunststoffherzen befestigt waren und streifte das goldene Papier ab. Darunter kam eine schlichte, weiße Schachtel zum Vorschein. Als Lilith auf seinen fragenden Blick erneut nickte, hob der den Deckel der Schatulle vorsichtig an. Als sich seine Augen überrascht in die Höhe schnellten, wusste Lilith, er hatte realisiert was sich in der Schachtel befand und warte auf eine weitere Reaktion. Noch wusste sie nicht, was er davon halten würde.

Nach einer gefühlten Ewigkeit griff er hinein und zog eine bunte Schleife heraus, daran baumelnd, zwei Babyschühchen – eines blass blau, dass andere rosé. Lilith hielt den Atem an, noch konnte sie nicht abschätzen wie Luc darauf reagieren würde, als er plötzlich aufsprang. Hätte er sie nicht bei den Händen gepackt, hätte er sie glatt umgestoßen. Kurz darauf befand sie sich in einer innigen Umarmung und wurde in kreisenden Bewegungen durch die Luft geschleudert.

Als er abrupt stehen blieb, fragte er atemlos: »Wir bekommen ein Baby?«

Seine Augen strahlten und sein Lächeln war so voller Liebe, das Liliths Herz vor Erleichterung zu zerspringen drohte und alle Dämme in ihr brachen.

»Nicht … nicht weinen.« Luc zog sie an sich, küsste ihre Tränen weg und legte eine Hand andächtig auf ihren noch flachen Bauch. »Ich liebe dich, und ich verspreche dir, dieses Baby wird das bezauberndste, glücklichste, süßeste und liebenswerteste Baby sein, das die Welt je gesehen hat.« Dann stand er auf und zog Lilith mit sich ins Wohnzimmer und drapierte die Babyschühchen unter den Weihnachtsbaum. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, sah er sie mit strahlenden Augen an. »Dies ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das du mir je hättest machen können …«