Leseprobe

 

3

 

Das Zusammentreffen

 

Am nächsten Tag wartete Hope Stunde um Stunde hinter ihrem felsigen Versteck. Menschen kamen und gingen, aber dieser Gabriel tauchte einfach nicht noch einmal an diesem Strandstück auf. Als sie schon aufgeben wollte, blieb ihr Blick an dem rothaarigen Jungen hängen, den sie gestern in Gabriels Begleitung gesehen hatte. Schlagartig verbesserte sich Hopes Laune und ihr Herz klopfte ihr vor freudiger Erwartung bis zum Hals. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis dieser Gabriel auftauchte – dachte sie zumindest. Doch als die Sonne langsam hinter den Felsen verschwand und die ersten Lagerfeuer den immer dunkler werdenden Abendhimmel erhellten, gab Hope schließlich auf.

Er war nicht gekommen, und sie spürte förmlich, wie sich ihre Schuppen von einem hellen, erwartungsvollen Goldgelb in ein schlammiges, trauriges Ocker verfärbten. Antriebslos lies sie sich von der Strömung nach Hause treiben.

»Hope, du bist schon wieder zu spät!«, tadelte sie ihre Mutter, als Hope in den Speisesaal schwamm. Alle anwesenden Gäste unterbrachen ihr Mahl und sahen in Richtung Saaleingang. Alle, sogar ihr Dad hatte seine Augen tadelnd auf sie gerichtet.

»Und wo ist überhaupt dein Diadem …? Mia, bitte begleite Hope in ihre Gemächer und sorge dafür, dass sie angemessen wieder hier erscheint«, forderte Hopes Mutter. Mia erhob sich von ihrem Platz, verneigte sich, schnappte Hopes Hand und schwamm mit ihr hinaus.

»Wie kannst du mir das nur immer wieder antun?«, fragte Mia. Hope entging Mias entrüsteter Tonfall nicht.

»Es tut mir leid. Ich hab einfach die Zeit vergessen …«, versuchte sich Hope zu entschuldigen.

»Die Zeit vergessen … Du hast die Zeit vergessen?«, äffte Mia sie nach. »Du hast auf diesen Jungen gewartet, und wie es aussieht, hat es sich nicht gelohnt deine Zeit dafür zu verschwenden …«

»Woher willst du das wissen?« entgegnete Hope trotzig, riss sich von Mia los und schwamm aufgebracht in ihre Suite. Mia schwamm ihr beton langsam hinterher.

»Ein ockerfarbenes Schuppenkleid … wie kleidsam für eine Prinzessin. Du kannst froh sein, dass deine Mutter nichts bemerkt hat. Sie hätte sofort geahnt, dass du wieder oberhalb des Meeres warst und dich dann einsperren lassen – und mich gleich mit. Denkst du vielleicht auch irgendwann mal an mich? Ein kleines bisschen wenigstens?«

»Aber Mia …«, protestierte Hope kleinlaut.

»Nichts – aber Mia! Setz dich und reiche mir die Klammern und dein Diadem, damit ich endlich deine Haare aufstecken kann. Ich möchte zurück in den Salon. Dein Vater hat einen Neuen und wirklich gut aussehenden Diener an seiner Seite, und eigentlich hatte ich vor, mich heute von meiner besten Seite zu präsentieren … Aber nein, Prinzessin Hope denkt ja mal wieder nur an sich.«

Hope wurde bei Mias Vorwürfen ganz Elend zumute und ihr Schuppenkleid färbte sich erneut eine Nuance dunkler. Ihre sonst so hell und prachtvoll strahlende Schwanzflosse, war gerade nur noch ein Bild des Jammers. Mia hatte recht! Sie hatte mal wieder nur an sich selbst gedacht … und an Gabriel.

Mia zupfte und kämmte ohne weiteren Kommentar an ihren Haaren. Hope vermutet, dass ihre beste Freundin gerade stinksauer auf sie war. Als sie dazu noch Mias verhärtete Miene im Spiegel betrachtete, wusste sie genau, dass sie ihre Freundin verletzt hatte. Hope versuchte erst gar nicht sich bei Mia für ihr Verhalten zu entschuldigen, sie würde ihr gerade eh nicht zuhören.

Zum Schluss platzierte Mia noch das Diadem auf Hopes kunstvoll frisiertes Haupt. Als Mia anschließend einen Blick auf ihr fertiges Gesamtwerk warf, stellte Hope erleichtert fest, dass ihrer allerbesten Freundin sogar wieder ein kleines Lächeln gelang.

»Noch Böse?«, fragte Hope kleinlaut und vermied es, Mia dabei direkt in die Augen zu sehen.

»Ich würde gerne ja sagen, Hope – ganz ehrlich. Aber dann hätte ich die Bezeichnung „beste Freundin“ wohl nicht verdient – oder?«

Hope streckte Mia eine Hand entgegen und die zog sie auf die Flossen. »Komm schon Prinzessin, lass uns zurück schwimmen.«

Sie sah an sich herunter … »So?«, fragte Hope und zeigte auf ihre immer noch viel zu dunkle Schwanzflosse.

Mia seufzte.

»Okay … Ich verspreche dir - beim Leben des Poseidon, dass ich dich in deinem Vorhaben, diesen Jungen kennenzulernen, unterstützen werde … Heitert dich das ein wenig auf?«

Hope sah erneut an sich herunter und nickte freudestrahlend. Ihre Schuppen waren wieder von einem heiteren Sonnengelb überzogen.

Nach dem Abendessen, wurde Hope von ihrer Mutter in ihre Gemächer verfolgt. Hope wusste was jetzt folgen würde und sie hasste es.

»Wie oft habe ich dich gebeten, pünktlich bei Abendmahl zu erscheinen … wie oft, mein Kind?« Hope schüttelte ergeben den Kopf und seufzte: »Oft Mutter, oft.«

Währenddessen schwamm ihre Mutter, stramm wie einer der Soldaten, hinter Hope auf und ab. »Ja genau. Oft … sehr oft, um genau zu sein, sogar viel zu oft! Wann wirst du endlich lernen, was sich für eine Prinzessin gehört? Du bist die Thronerbin meiner Schwester. Alles was deiner Tante Sidney gehörte, gehört nun dir. Das Schöne ebenso, wie die unschönen Pflichten … Begreif doch, wie wichtig es ist, dass du deinem Volk eine gute Königin wirst …«

Mit einem kräftigen Ruck, peitsche Hopes Schwanzspitze über den Meeresboden und sie wirbelte zu ihrer Mutter herum.

»Ich werde niemals Königin werden – niemals!«, gab Hope trotzig zurück und riss sich im selben Atemzug Tante Sidneys Diadem vom Kopf. Hope verzog keine Miene, als sie sich, mitsamt des Schmuckstücks, gleich mehrere kleinere Haarbüschel mit vom Kopf zerrte. Als ihre langen lockigen Haare wieder ihr Gesicht umspielten, durchfuhr Hope eine Woge der Erleichterung und so schmiss sie ihrer Mutter das Diadem aufmüpfig vor die Flosse. Dann peitschte sie los.

»Hope«, rief ihr ihre Mutter entrüstet hinterher, als Hope kopflos aus ihren Gemächern flüchtete. »Hope, du kommst sofort zurück …« Doch Hope achtete gerade nicht auf ihre Mutter, pfeilschnell war sie, an ihr und den Wachen vorbei, aus dem Palast geschwommen. So schnell, dass die Wachgardisten mit ihren Verbeugungen gar nicht hinterher kamen.

Ein Lächeln der Genugtuung stahl sich auf Hopes Gesicht und sie spürte, wie sich ihre Schuppen langsam wieder heller färbten, da sie sich ihrer nun hebenden Stimmung anpassten.

Hope bemerkte gar nicht wohin sie schwamm, denn sie wollte einfach nur weit, weit weg von zu Hause. Als sie in Küstennähe irgendwann pfeilschnell nach oben schoss und mit dem Kopf durch die Wasseroberfläche brach, erkannte sie die kleine Bucht und den Strand, der in nächtlicher Ruhe vor ihr lag, sofort. Allein die geheime Hoffnung ihn zu sehen, hatte sie wohl hierher geführt. Wie töricht … Es war mitten in der Nacht, der Strand inzwischen menschenleer. Was wollte sie hier nur? Hope hatte keine Ahnung. Sie wusste nur, dass sie heute Nacht nicht in den Palast zurückkehren würde, sollten sich ihre Eltern doch grämen vor Sorge …

Hope sprang aus dem Wasser, legte sich auf ihren Felsen und betrachtete gedankenverloren den sternenklaren Nachthimmel. Es war Neumond und deswegen strahlten die Sterne nur um so heller für sie. Hope liebte diesen Anblick, nichts auf dem Meeresgrund erschien ihr so schön wie dieser nächtliche Sternenhimmel zu sein. Er funkelte wie Abertausende kleiner Juwelen – so wunderschön, zum greifen nah und doch so unerreichbar fern … Genau wie Gabriel. Hope schloss die Augen, lauschte in die Stille der Nacht und versank in ihren Träumen.

Doch plötzlich, war da eine unnatürliche Bewegung im Wasser … Irgendjemand war hier, drehte mitten in der Nacht seine Runden im schlafenden Meer. Die kleinen, für einen Menschen nicht wahrnehmbaren Wellen, die die Bewegungen des Schwimmers stetig weitertrugen, brachen sich immer schneller an Hopes Lieblingsfelsen. Wieso schwamm jemand nachts soweit hinaus, weg vom sicheren Ufer? In der Hoffnung, dass der herannahende Mensch bald wieder abdrehen würde, lies sich Hope lautlos ins Wasser gleiten und wartet etwa zwei Meter unter der Wasseroberfläche auf den ungebetenen Gast.

Der Mensch, sie tippte anhand seiner muskulösen Beine auf einen jungen Mann, stoppte an genau dem Felsen, auf dem Hope eben gelegen hatte. Er suchte unter Wasser mit seinen Füßen nach Halt und zog sich dann ruckartig nach oben. Mist …, dachte Hope. Nun war der Felsen nicht mehr sicher genug, sie würde nicht wieder hier her zurückkehren können. Aber wenn sie nun schon den Rückzug antreten musste, so wollte sie wenigstens wissen, wer ihr ihren Lieblingsplatz zunichte gemacht hatte.

Langsam und ohne das sich die Wasseroberfläche bewegte, tauchte sie im Schatten des Felsen auf. Hier war es, dank des Neumondes, so dunkel, dass sie sicherlich kein menschliches Auge würde entdecken können. Soviel hatte ihr ihre Tante Sidney vor ihrem Verschwinden wenigstens beigebracht und so riskierte Hope einen zögernden Blick auf den Felsen.

Beim Anblick des Menschen, verfärbten sich ihre Schuppen mit einem einzigen Schlag grell gelb.

Gabriel …

Er lag genau auf derselben Stelle, auf der Hope vor Minuten noch gelegen hatte und blickte mit der gleichen Geste in den Nachthimmel empor. Hope hatte sich geirrt. Es gab in dieser Nacht doch etwas, dass schöner war als tausende, funkelnde Sterne.

Gabriel übertraf einfach alles, was Hope von den Menschen wusste. So nah, war sie noch keinem menschlichen Wesen gekommen. Der Wind drehte und kam nun vom Meer her direkt auf die beiden zu. Hope reckte den Kopf ein wenig weiter aus dem Wasser und nahm einen tiefen Atemzug. Er roch nach Seegras und ein wenig holzig. Irgendwie erahnte sie an ihm den Duft der kleinen Lagune, in der Mia und sie sich immerzu trafen. Die Sträucher dort hatten das gleiche Bouquet. Die Minuten verstrichen, aber Hope konnte sich einfach nicht vom Fleck bewegen. Es war töricht weiter hier, nur knapp einen Meter neben diesem schönen und makellosen Menschen zu verweilen, aber ihre Flosse bewegte sich nicht – sie gehorchte ihr einfach nicht mehr. Es war, als wäre sie an einen tonnenschweren Anker gekettet.

Völlig unerwartet, setzte sich Gabriel über ihr auf, verharrte kurz mit Blick zu den Sternen und ließ sich anschließend geschmeidig ins Wasser zurückgleiten. Er stieß sich vom Felsen ab und das Wasser trug ihn in Hopes Richtung. Und mit ihm, drängte erneut sein alles verzehrender Duft und ihre lang verdrängten Sehnsüchte gegen Hopes zitternden Körper.

Hastig zog sie den Kopf ein und ließ sich vorsichtshalber wieder einen Meter tiefer sinken. Völlig ahnungslos schwamm er weiter in ihre Richtung und fast dachte Hope, dass er nun gleich über sie hinweggleiten und verschwinden würde, aber dem war nicht so. Er stoppte genau über ihr und Hope raffte flugs ihre langen Haare zusammen, damit sie Gabriel nicht versehentlich um die rudernden Beine strichen. Sie müsste nur einen Arm ausstrecken um ihn berühren zu können … Noch ehe Hope den Gedanken zu Ende gesponnen hatte, löste sie eine Hand von ihren zusammengezwirbelten Haaren und streckte sie ihm entgegen. Kurz vor dem Ziel hielt sie jedoch inne. Gabriel schien ihr verwirrt, er drehte sich suchend um sich selbst. Konnte er etwa nicht mehr erkennen in welcher Richtung der Strand lag? Hope ließ sich hinter ihm an die Wasseroberfläche treiben, durchbrach sie aber nicht. Gabriel drehte sich erneut suchend um die eigene Achse.

Sein Gesicht erschien Hope atemberaubend schön und dann bewegten sich seine Lippen. Seine Stimme war tief, ruhig und erstaunlicher Weise, äußerst melodisch. Eine Welle schwappte auf die beiden zu und das Rauschen des Wassers übertönte seine Frage, dämmte sie zu einem süßen Flüstern. Aber Hope hatte ihn trotz allem verstanden. Mit einem Mal war es erneut um sie geschehen, denn Gabriels Worte versetzen ihr ohnehin schon viel zu nervöses Herz schlagartig in einen noch viel ungesünderen, stockenderen Rhythmus.

»Hallo, ist da jemand? Hallo?«, rief er erneut.

Bei allen heiligen Meereshexen, wie konnte er nur erahnt haben, dass sie ihn beobachtete, dass überhaupt jemand in seiner Nähe war? Er konnte sie doch unmöglich gesehen, geschweige denn bemerkt haben. Hope hatte sich ständig in seinem Schatten aufgehalten und dabei nicht das geringste Geräusch, nicht die kleinste Strömung heraufbeschworen. Niemand konnte sich so geschmeidig durch die Meere bewegen wie die Spezies der Meeresnixen. Er konnte also unmöglich sie meinen, oder doch? Hope sah sich ebenfalls suchend um, aber sie konnte keinen weiteren Menschen, kein Meereswesen, ja nicht einmal einen Fisch in ihrer näheren Umgebung ausmachen – Mist! Langsam und in einem angemessenen Abstand, tauchte sie hinter seinem Rücken auf. Menschen waren langsam. Sollte sie denken, dass er ihr gefährlich werden könnte, wäre sie verschwunden, noch ehe er sie erreicht hätte.

»Ich weiß, dass du mich beobachtest … komm raus! Ich will sehen, mit wem ich es zu tun habe …«, versuchte er es erneut.

Hope nahm all ihren Mut zusammen. Es war stockdunkel, das Meer rabenschwarz – er würde ihr Geheimnis nicht entdecken, nicht in dieser Nacht und so antwortete sie: »Hinter dir.«

 

 

 

 


 

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© 2012 Tine Armbruster