Wandel der Zeit / Buch 2

Savannah Kapitel 1



Wandel der Zeit Buch 2

1

 

 

  Mein Gott es war soweit… ich saß auf meinem Bett, bereits seit heute Nacht um 3.00 Uhr. Fix und fertig für die Schule, aber durch und durch bewegungslos. Mittlerweile war es 6.00 Uhr morgens. Mir aber kam es vor, als sei ich nicht 3 Stunden, sondern die letzten 3 Monate hier so bewegungslos gesessen. Mittlerweile dachte ich schon mit meinem Bett verwachsen zu sein. Hatte ich überhaupt geschlafen?
  Gestern Abend sind wir wieder in unserem neuen / alten Zuhause eingetroffen. Ich war so erleichtert wieder hier zu sein, konnte es zum Schluss fast nicht mehr ertragen außerhalb der Stadt, des Hauses, unserer Strasse mit Blick auf sein Haus zu sein.
  Unsere letzte Wandlung, vor einigen Wochen, vollzogen wir bei der Familie meines Verlobten Alex. Schon alleine bei dem
Gedanken daran, machte sich in meinem Hals ein Würgereiz breit.                   
  Mein Dad dachte, er hätte bei meiner Geburt eine gute Wahl getroffen was meinen Verlobten angehe. Und das schlimme war - er dachte es immer noch.
  Ich dagegen konnte Alex nicht ausstehen, konnte es noch nie. Er hielt sich für etwas Besseres und ich wusste, er würde mich nie gut behandelt. Er entsprang einer der ältesten Wandler-Familien. Eigentlich war es eine Ehre Alexs Frau zu werden … eigentlich, da ich die Sache ganz anders sah.
  Zwar war er gutaussehend, groß & gut gebaut, schwarze Haare mit einem militärischern Kurzhaarschnitt, markantes Kinn, rauchige Stimme, goldene Augen.
  Alles in allem, ein sehr gutaussehender junger Mann, auf den die Mädchen normalerweise bestimmt reihenweise flogen. Aber mich konnte er damit nicht täuschen. Ich gehörte ihm, musste ihm gehorchen – Ende und aus. So war nun mal das Gesetz und es gab nichts das ich dagegen tun konnte.
   Er lies es mich bei jedem meiner Besuche spüren.
   So war mir schon lange klar, sollte ich jemals seine Frau werden, dann würde ich ohne Überlegung die mir einzige Möglichkeit nutzen und sterben!
Sicherlich konnte man, wie man am Beispiel meiner Eltern sah, auch anders miteinander umgehen. Aber sie liebten sich – und das schon immer. Wären sie einander nicht versprochen gewesen und ganz normale Menschen, sie hätte sich trotzdem selbst gewählt.
Alex und ich, wir liebten uns nicht und das brach mir bestimmt über lang oder kurz das Genick.


  Die letzten drei Monate mit ihm, unter seinem Dach, waren mir vorgekommen wie viele Jahre… Was würde ich nur empfinden, wenn ich für immer dort leben musste?
‚Denk an etwas anderes’, zwang ich mich immer noch steif auf meinem Bett sitzend.
  Also trieben meine Gedanken zurück, in meine Vergangenheit, wenn auch nicht allzu lange.
  War es wirklich erst zwei Monate her, dass ich mal wieder jemand komplett anderes war? Ja, mal wieder. Sechzehn Jahre war ich nun alt und hatte nun schon meine 4te Wandlung hinter mir. Vier Identitäten, die alle nicht mir gehörten… immer
nur geliehen – und nie blieb danach etwas davon übrig. War es mir diesmal gelungen - war ich mir gelungen?
  Knappe vier Monate war es nun schon her, seit ich ihn dass letzte Mal gesehen hatte. Nach seinem Unfall, traute ich mich nicht ihn zu besuchen und als ich den Mut dazu endlich gefunden hatte, mussten wir uns zurückziehen.
Als ich noch Tascha war, hatte ich mich nie richtig getraut mich ihm zu nähern…
  Es hätte ja eh nichts gebracht, denn eigentlich hatte er mich nie richtig wahrgenommen. Er hatte zwar immer wieder wechselnde Freundinnen; und Theresa - die letzte, war eine Wildkatze und dazu noch die Anführerin der Cheerleader. Nie hätte sie geduldet, dass ich mich mit ihm, geschweige denn er sich mit mir, anfreundete. Erst als es bei Ihnen kriselte, sprachen wir ab und zu miteinander. Er brauchte wohl jemandem um seine Sorgen loszuwerden. Und da wir nur schräg gegenüber von einander wohnten, waren einige Begegnungen eh unausweichlich und ich genoss die kleinen Aufmerksamkeiten. 
  Schon als wir, von unseren Müttern begleitet, im Sandkasten, auf einem nahegelegenen Spielplatz zusammen im Sand buddelten, wusste ich, dass er immer etwas Besonderes für mich sein würde. Ich ahnte schon immer, dass er meine einzig wahre Liebe sein würde.
  Die letzten zwei Monate, seit unserer erneuten Wandlung, kreisten meine Gedanken nur um Ihn, um mich, um uns.
   NEIN, ich wollte nicht mehr hinten anstehen – ich wollte Ihn, und nur Ihn. Mittlerweile war ich 16 Jahre alt und wusste warum ich so empfand.
  Immer wieder sagte ich mir, dass ich das nicht dürfte, nie könnten wir zusammen glücklich werden, aber ich kam nicht dagegen an. Und sollte es auch nur ein paar glückliche Stunden für mich geben, ich wollte sie haben, egal wie und egal was es mich kosten würde!
  Ohne dass es klopfte, streckte meine Mutter den Kopf durch die Türe.
  „Guten Morgen Savannah - mein Schatz, bist du fertig für die Schule?“
  „Nein", stöhnte ich,  „...aber ich komme.“
  Schnell griff ich nach meiner Tasche und spurtete ins Erdgeschoss. Nachdem ich meinen Dad zum Abschied geküsste hatte, kam Mom dran.
  „Viel Glück mein Schatz“, flüsterte sie so leise dass mein Dad es  nicht hören konnte und zwinkerte mir zu.
  Während sich mein Frühstück in meinem Magen dagegen wehrte verdaut zu werden, machte ich mich nervös auf den Weg zur Schule. Das Rolltor an Nic´s Garage war noch geschlossen – er war also noch zu Hause. Am liebsten hätte ich drüben geläutet und gefragt, ob ich mit ihm fahren könnte. Wie blöd ich doch war, noch nie hatte mich Nic mit zur Schule genommen, egal wie sehr ich mich auch danach gesehnt hatte.
  Die Formalitäten, im Büro der Direktorin Frau Lang, waren schnell erledigt und schon kam mein Lehrer Mr. Edison um die Ecke, um mich meiner neuen / alten Klasse zuzuführen.
Ich wurde immer nervöser, wollte umdrehen, einfach nur wegrennen. Zu spät, schon öffnete Mr. Edison die Klassenzimmertür und ich trat hinter ihm ein.
  Hastig sah ich mich um, alle schienen da zu sein und dann sah ich ihn.
  Nicolas.
  Auf seinem angestammten Platz, wie immer, aber dieses Schuljahr saß er alleine. Sollte ich wirklich so viel Glück besitzen und dieses Jahr neben ihm sitzen dürfen? Ich hielt die Luft an, mein Herz wummerte gegen meinen Brustkorb, meine Hände waren mit einemmal schweißnass und ich schluckte gepresst, um mich nicht zu übergeben.
  Ich trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und während ich mich kurz der Klasse vorstellte, beobachtete ich ihn sehr genau.
  Was ich sah und hörte ließ mich erschaudern.
  Er hasste mich…
  Ich war enttäuscht.
  Immer wieder flüsterte er „Bitte nicht ich, nicht ich.“
  „Mister Williams“, ertönte es neben mir.
  „Da sie, aufgrund Ihrer Verletzung, viele Mittage frei haben und auch einen ebenso freien Platz neben sich zu haben scheinen, werden sie sich bitte Fräulein Miller annehmen“, forderte ihn Mr. Edison auf.
  Sein „Ja Mr. Edison“, glich einem Knurren, das verächtlicher nicht hätte sein können.
  Ich wollte nur noch nach Hause – sofort!
  Theresa seine EX saß nun hinter Ian und ich setzte mich, wie von Mr. Edison angeheißen, neben Nic. Meine aufsteigen wollenden Tränen schluckte ich grob hinunter.
„Hi, ich bin Savannah – Savannah Miller, und du bist also Nicolas?“
  Vorsichtig sah ich zu ihm auf, er fixierte mich mit seinen silbergrauen Augen so fest, dass mich trotz seiner erkennbaren Wut darin ein wohliger Schauer überkam.
Ich hatte diesmal wunderschöne blaue Augen, passend zu den noch viel schöneren pechschwarzen, gelockten und mir bis zur Taille reichenden Haaren.
  Ich hatte mein jetziges Äußeres absichtlich dem seinen angepasst und hoffte, er würde es mögen.
Noch war ich mir nicht sicher ob ich damit erreichen würde was ich bezweckte.
  „Nur NIC bitte.“
  Er verzog das Gesicht, leicht angewidert zu einer Grimasse und konzentrierte sich dann sofort wieder auf Mr. Edison, der schon mit der Zusammenfassung des letzten Schuljahres begonnen hatte.
  ‚Ich will nach Hause’, schoss es mir durch den Kopf.
  Nach dieser Stunde, in der er kein weiteres Wort mit mir gewechselt hatte… ja, er hatte mich einfach ignoriert, hatten wir zwei gemeinsame Freistunden.
  Ich, weil ich als neue die Sportstunden nutzen sollte, um die Schule und das Gelände darum besser kennen zu lernen und er, da er unfallbedingt nicht daran teilnehmen konnte und sich deshalb um mich zu kümmern hatte .
  Mittlerweile bereute ich es, mich so sehr darauf gefreut zu haben… auf ihn gefreut zu haben…
  Wären wir nur in eine andere Stadt gezogen, hätte es mir nicht so weh getan wie seine Reaktion auf mich im Klassenzimmer. Aber was hatte ich auch anderes erwartet. Mein Äußeres ihm anzugleichen, bedeutete nicht, dass er sich automatisch und in null Komma nichts in mich verlieben würde.
  „Nach Hause.“
  „Bitte?“, fragte er irritiert.
  „Äm, nichts.“
  Mist, ich hatte laut gedacht – er machte mich total kirre. Ich lächelte ihn an, dann liefen wir los.
  Das heißt, er hechtete los als sei der Teufel hinter ihm her (oder als wollte er dies alles möglichst schnell hinter sich bringen) und ich versuchte an ihm dran zu bleiben.
  Er führte mich also (im Eiltempo), im ganzen Gelände herum und ich tat sehr interessiert. Zum Schluss hatten wir - dank seiner Raserei, noch massig Zeit übrig. Mich aber einfach so stehen lassen, brachte er dann wohl doch nicht über sich.
  „Wollen wir… noch einen Kaffee in der Mensa trinken?“
  Ich musterte ihn verblüfft – wohl ein bisschen zu sehr, denn er setzte nach: „Keine Angst, ich zahle.“
  Er lächelte mich an. Und zum ersten Mal an diesem Tag ging es mir besser, ja fast fühlte ich mich rundum gut!
  Während ich, über meinen noch viel zu heißen Kaffe blies, stellte ich ihm Fragen über die Schule, den Sport, die Schüler und Lehrer, den Ort und die Freizeit Gestaltung der Teenys hier. Er schient mir nicht genervt, also fing ich an, Fragen über ihn zu stellen. Was er mochte, was nicht, wieso er nicht zu Sport durfte und so weiter. Ich wusste zwar alles, doch es wurde mir trotzdem nicht langweilig. Und ich wollte Ihm damit mein Interesse an ihm begreiflich machen.
  Als es zu der nächsten Stunde gongte, war ich total deprimiert.
  Nun hatten wir leider keinen gemeinsamen Unterricht mehr.
Also setzte er mich an meinem Klassenzimmer ab, und verzog sich mit einem, „Bis später“, in seinen Klassenraum.
  Theresa beachtete mich nicht, aber Ava, Daves Freundin lächelte mich freundlich an… vielleicht konnte ich bei ihr ja da anknüpfen, wo ich als Tascha aufgehört hatte.
  Neben Alyson, die neben ihr in der Bank saß, war ich damals mit einer ihrer besten Freundinnen. Angeblich hielt ich - alias Tascha - Briefkontakt mit Ihr. Manchmal erledigte dies meine Cousine Saphira für mich, in deren Heimatort wir nun angeblich umgezogen waren. Meist griff ich aber auf meinen PC zurück – Mails zu schreiben war deutlich einfacher…
Ich lächelte also zurück und verzog mich nach hinten, an einen Pult, an dem ich alleine sitzen konnte.
  Ich versuchte dem Unterricht zu folgen, dennoch war ich abgelenkt. Meine Gedanken kreisten um ein und denselben Jungen der schon immer Ziel meines Begehrens war.
Als sich wieder diese schleichende Nervosität in mir breit machte, sah ich mich im Klassenzimmer um. Vertraut, alles so vertraut und doch ganz neu. Denn obwohl ich alles hier kannte, jeden Schüler, alle Lehrer und das ganze Gebäude war es doch als sei ich noch nie hier gewesen, denn keiner kannte mich.
Als es läutete, war ich innerhalb weniger Sekunden, zur Tür hinaus und stand vor Nic´s Klassenraum. Als er herausstürmte, stießen wir auch prompt zusammen und ich konnte gerade noch seine Bücher von seinen Armen abfangen, bevor sie mir entgegenkippten.
  Dabei berührten sich unsere Finger ganz leicht und mein Herz hämmerte schon wieder, als wolle es aus meiner Brust springen.
  Ich spürte, wie mein Lockduft förmlich aus mir herausplatzte. Der ganze Flur war von meiner Sehnsucht, nach ihm, erfüllt.
So viel ich wusste, roch ich, für die Menschen einfach nur nach Vanille, wobei es für unsere Nasen ein weitaus komplexerer Duft war.
  Am liebsten wäre ich ihm sofort um den Hals gefallen um ihn zu küssen.
  Ob sich mein Traum irgendwann erfüllen würde?
  „Hi“, hauchte ich ihm, so zärtlich wie möglich, entgegen und ergänzte: „Willst du mich nicht vorstellen?“ Dann deutete ich in die Mitte seiner Kumpels.
  Er nickte und stellte sie mir, der Reihe nach vor. Zum Schluss warnte mich sogar noch vor Joe. Dass ich darum wusste, dass Joe keinem Rock der Stadt widerstehen konnte, hatte ja keiner von ihnen ahnen können. Joe allerdings, erschien mir etwas erbost, über Nic´s Äußerung und er gab ihm daher mit seinem Ellenbogen einen Rempler mit.
  Als ich dann mit den Jungs kurzen Smalltalk hielt, stolzierte Tess von hinten an uns heran… Ich konnte ihr heran nahen riechen. Bei ihr, bekam das Sprichwort ‚Einbildung stinkt’ zumindest für mich, endlich eine Bedeutung.
  Samt ihren eingebildeten Freundinnen, pirschte sie sich extra nahe, an unsere Gruppe heran. Sie versetzte Nic im Vorbeigehen einen Stoss, sodass dieser sich gerade noch abfangen konnte, bevor er in mich hinein geprallt wäre.
Ich spürte wie er einen tiefen Atemzug am mir entlang nahm; und dann wieder selig ausatmete. 
  ‚Danke Tess’, dachte ich.
  Dass sie mir damit einen großen Gefallen getan hatte, wusste sie nicht. Von mir aus, hätte sie ihn ruhig fester stoßen können.
Wenn er mich dabei berührt hätte, nicht auszudenken.
  Jede Faser meiner Haut lechzte danach.
  „Und nun?“
  Ich drehte mich zu ihm um und beim Anblick seines ebenmäßigen, wunderschön gebräunten Gesichtes so dicht vor dem meinen, musste ich lächeln.
  „Wir haben noch 2 Stunden  Bio… dann ist der Tag
geschafft.“
  „Gut“, entgegnete ich immer noch lächelnd, „denn ich bin auch schon ganz schön fertig“.
  Dann liefen wir los.